Geschichte der Bruderschaft

 

Die Geschichte der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Merzenich ist ungewöhnlich gut dokumentiert. Die frühen urkundlichen Erwähnungen am 2. Juli 1533 und am 1. Dezember 1559 weisen sie als eine spätmittelalterliche Gebets- und Bestattungsbruderschaft mit beachtlichen Einkünften und einem eigenen Altar in der Pfarrkirche St. Laurentius zu Merzenich aus. Im Jahr 1559 ist Godart Alstorff „vicarius altaris S. Sebastiani“ und „jubilarius“. Am 13. Januar 1583 bedient Vikar Johann Engels den Altar „S. Sebastiani et S. Crucis“.

Nach der Wachtordnung für das Herzogtum Jülich besteht bereits vor dem Jahr 1600 im Kirchspiel und Gericht Merzenich eine von einem Unterführer (Kirchspielführer) befehligte Rotte sogenannter Landschützen, die gemeinsam mit den Schützen in Nörvenich, den anderen drei Gerichten um Düren und der Kellnerei Hambach dem Oberführer (Amtsführer) des Amtes Nörvenich unterstehen und die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechterhalten sowie Wach- und Ordnungsdienste leisten sollen. Mit den Landschützen des Amtes Bergheim bilden sie die dritte von insgesamt sieben Kompanien der Landschützen im Herzogtum Jülich. Die auf den Landesherrn vereidigten, „geschworenen Schützen“ sind nach militärischem Vorbild dem Befehl des Landmarschalls am Hof des Herzogs und der hauptberuflichen Offiziere ihrer Kompanie, des Landhauptmanns, des Landleutnants und des Landfähnrichs, unterstellt. Die Offiziere unterziehen die wehrfähigen Männer regelmäßig der Musterung und erfassen sie - mit Rücksicht auf das Alter, die Tauglichkeit und die Bewaffnung - in Musterungslisten als Schützen 1., 2. und 3. Wahl. Die Schützen 1. (bis 30 Jahre) und 2. Wahl (30 bis 45 Jahre) werden zum Dienst auf der Amtsebene und im Kriegsfall auch zur Landesverteidigung herangezogen. Die Schützen 3. Wahl (45 bis 60 Jahre, eingeschränkt diensttaugliche Schützen) verrichten ihren Dienst in den Kirchspielen.

Nach den im Staatsarchiv erhaltenen Musterungslisten des Amtes Nörvenich mit den vier Gerichten und der Kellnerei aus den Jahren 1578 bis 1695 umfasst das Aufgebot 50 bis 60 Schützen. Ausweislich der Beschlüsse des Landtags aus dem Jahr 1600 („Landtags-Abschied die Gülichische Defension betreffend“) beziehen der Oberführer jährlich 24 Reichstaler und die Unterführer (Kirchspielführer) jährlich zwölf Reichstaler Sold. Die Schützen erhalten nach dem Beschluss des Landtags auf Schloss Hambach vom 30. April 1607 ein Tagegeld zwischen sechs Albus für den Einsatz innerhalb und zwölf Albus für den Einsatz außerhalb des Amtsbezirks.

Die in Merzenich ansässigen Landschützen gehören selbstverständlich auch der St.-Sebastianus-Bruderschaft an. Als im Jahr 1782 die Landmiliz aufgelöst wird und die Offiziere der Landkompanien entlassen werden, übernehmen die Jülicher Landdragoner, die ersten hauptberuflichen, uniformierten und teilweise auch berittenen Polizisten, die Aufgaben der Landschützen. In der Folge greift die Bruderschaft die Bezeichnung „Schützen“ sowie die Dienstgrade der Offiziere und Unteroffiziere für ihren „Schützenzug“ auf. Sie knüpft fortan mit dem „Schützenspiel“ an die Tradition der Jülicher Landschützen an.

Die Flurnamen „Vogelsland“ und „Bey der Vogelrute“ im Lagerbuch der Pfarrkirche St. Laurentius aus dem Jahr 1634 belegen, dass die Bruderschaft offenkundig bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg den Brauch des Vogelschießens geübt hat. Der alljährlich am Pfingstmontag durch den Vogelschuss ermittelte König genießt für ein Jahr die Befreiung von den Hand- und Spanndiensten am herzoglichen Zehnthof. Dieses Privileg wird im Jahr 1785 durch eine Steuerbefreiung auf den Grundbesitz der Bruderschaft abgelöst.

Der König wird bei den Prozessionen und den anderen öffentlichen Auftritten von den beiden Brudermeistern und dem Bruderboten begleitet. Die Mitglieder der Bruderschaft sammeln sich nach der Weisung des Bruderführers hinter dem Fähnrich mit der Bruderschaftsfahne. Die Satzung verpflichtet die beiden jüngsten Brüder, in der Fronleichnamsprozession die Statue des Heiligen Sebastian zu tragen.

Ungeachtet der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in der Folge der französischen Revolution - in der Zeit der französischen Besetzung des Rheinlandes, der französischen Republik, des Kaiserreiches unter Napoleon I. und der preußischen Inbesitznahme - besteht die Bruderschaft fort. Im Jahr 1854 geht aus ihr die bürgerliche Schützengesellschaft Merzenich hervor, die die Tradition des Schützenfestes mit den Aufmärschen und Paraden, den Tanzveranstaltungen und Konzerten, dem Preisvogelschießen und der Kirmes begründet, die bis auf den heutigen Tag gepflegt wird.

Vorstand und Offizierskorps 1924

 

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist die Schützenbruderschaft Merzenich in Person ihres Schützenmeisters Johann Johnen maßgeblich an der Gründung des Bundes der ländlichen Schützengesellschaften des Kreises Düren (heute: Kreisschützenbund Düren) sowie der Erzbruderschaft vom heiligen Sebastianus beteiligt. Mit einem eindrucksvollen Kreisbundesfest feiert sie im Jahre 1931 ihr über 400-jähriges Bestehen. Alle Versuche, in der nun folgenden Zeit des Nationalsozialismus der Gleichschaltung zu entgehen, schlagen fehl. Da die Bruderschaft ihre enge Bindung an die römisch-katholische Kirche nicht aufgibt, wird sie 1937 durch die Geheime Staatpolizei zwangsweise aufgelöst.

Nach zwölf Jahren des Ruhens wird die St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft am 20. Januar 1949 wiederbelebt. Seither hat sie sich zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens des Dorfes entwickelt.

Neben den fördernden Mitgliedern engagieren sich heute rund 40 Männer, Frauen und Jugendliche aktiv im Offizierkorps, dass der Träger der Brauchpflege ist. Zu den großen öffentlichen Veranstaltungen der Bruderschaft, dem Sebastianustag im Januar (am 20. Januar oder dem darauffolgenden Samstag), dem Vogelschießen an Fronleichnam und dem Schützenfest am Sonntag nach dem Hochfest der Apostel Petrus und Paulus (29. Juni), aber auch zu vielen weiteren Anlässen tritt es in der schmucken, rheinisch-grünen Uniform auf.

Die erfolgreiche Schießsportabteilung nutzt den modernen Luftgewehrschießstand im Schulzentrum Merzenich und nimmt mit mehreren Mannschaften an den Rundenwettkämpfen des Bundes von der Bezirks- bis zur Bereichsebene teil.

 

Die Schützenjugend bietet den Schüler- und Jungschützen vielfältige Freizeitangebote vom Gruppenabend bis zum mehrtägigen Zeltlager.

Die Schützenbruderschaft ist fest in die Kirchengemeinde St. Laurentius eingebunden. Schützenschwestern und Schützenbrüder engagieren sich im Pfarreirat und im Kirchenvorstand. Die Bruderschaft unterstützt die örtlichen sozialen und karitativen Einrichtungen.

 

Text und Bild: Michael Kreuel


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